Grußworte anlässlich des Neujahrsempfangs des Leibniz-Konfizius-Instituts Hannover am 17.01.2026, Thomas Hanschke
Thomas Hanschke blickt in seiner Neujahrsansprache beim Leibniz-Konfuzius-Institut Hannover auf über zwei Jahrzehnte deutsch-chinesischer Zusammenarbeit zurück. Persönliche Begegnungen, prägende Reiseerlebnisse und starke Partnerschaften zwischen niedersächsischen und chinesischen Hochschulen zeichnen ein Bild gelebter Freundschaft. Vor dem Hintergrund globaler Machtverschiebungen und wachsender Bedeutung Chinas betont Hanschke die Notwendigkeit von mehr China-Kompetenz und einer Kooperation „mit Herz“ – getragen von Optimismus, Souveränität und gegenseitigem Respekt.
Guten Abend, meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Studierende!
Meine Erfahrungen mit der Volksrepublik China reichen bis in das Jahr 2004 zurück. Damals war ich Vizepräsident für Studium und Lehre an der Technischen Universität Clausthal gewesen und mit der Internationalisierung der Hochschule befasst. Dabei wurde ich bis heute von meinem Kollegen Professor Michael Zhengmeng Hou, der auch unter uns ist, engagiert begleitet. In Demut und Dankbarkeit blicke ich auf eine wundervolle Zeit deutsch-chinesischer Freundschaft zurück. Unvergessen ist der Empfang in der deutschen Botschaft in Peking 2008 mit unserem damaligen Ministerpräsidenten Christian Wulff und den vielen Präsidenten und Vizepräsidenten chinesischer Universitäten, die alle in Clausthal studiert haben. Dazu gehören aber auch mein Auftritt vor tausenden von Studierenden im Fußballstadion der East China University of Science and Technology in Shanghai, wo man mich auf der Ehrentribüne neben hochrangigen Mitgliedern der Kommunistischen Partei und des Militärs postiert hatte, oder die gemeinsame Fahrradtour mit meiner Frau auf der Stadtmauer von Xi`an anlässlich eines Besuchs bei Yue Delong, dem Vizepräsidenten der Chinesischen Akademie der Technikwissenschaften. Besonders beeindruckt hat mich das Gespräch mit Zhang Dejiang, damals Vize-Premierminister der Volksrepublik China, der sich unerwartet als exzellenter Kenner der TU Clausthal herausstellte. Davon will ich kurz erzählen: eine große schwarze Limousine holt mich vom Hotel ab. Drinnen sitzt Herr Davidson, Abteilungsleiter der Niedersächsischen Staatskanzlei. „Wo fahren wir denn hin, Herr Davidson?“ „Wir fahren zum Vizepremier der Volksrepublik China.“ „Aber wo sind die anderen?“ frage ich hilfesuchend. „Der Vizepremier möchte nur Sie und den MP sprechen.“ „Worum geht es denn?“ „Es geht um deutsche Energiepolitik.“ „Aber davon verstehe ich doch nicht genug.“ „Das macht nichts. Da müssen Sie jetzt durch!“ Doch ich musste gar nichts sagen. Denn Zhang Dejiang hielt einen leidenschaftlichen Vortrag über die TU Clausthal und wie hervorragend sie im deutsch-chinesischen Kontext aufgestellt sei. Und die Augen unseren Ministerpräsidenten leuchteten hell und klar.
Meine Leitfigur in den deutsch-chinesischen Beziehungen ist Professor Wan Gang, ehemaliger Rektor der Tongji-Universität und Forschungsminister der Volksrepublik China. Herr Wan Gang hat an der TU Clausthal promoviert und zehn Jahre bei Audi gearbeitet, ehe er nach China zurückkehrte. Er wünscht sich „Kooperationen mit Herz“ und appelliert an uns, unseren Beziehungen mit Optimismus, Souveränität und Respekt zu begegnen.
Nach einer Zeit der Zurückhaltung, bedingt durch die Pandemie, eine etwas pessimistisch intonierte China-Strategie des Bundes, ein unangemessen geringes mediales Echo auf das Jubiläumsjahr der Deutsch-Chinesischen Beziehungen und eine sehr hitzige Diskussion über die Dual Use - Problematik in der Forschung, haben die deutsch-chinesischen Beziehungen glücklicherweise wieder Fahrt aufgenommen.
Denn in der letzten Dekade haben sich die ökonomischen und politischen Gewichte in unserer Welt deutlich von West nach Ost verschoben. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Volksrepublik China, die nicht nur politisch und wirtschaftlich, sondern zunehmend auch technologisch eine Vorreiterrolle einnimmt.
Wegen Chinas starker Verflechtung in die internationale Arbeitsteilung ist die weitere Entwicklung Chinas für die gesamte Welt und nicht zuletzt für Deutschland von zentraler Bedeutung, wie Stefan Baron in seinem Buch „Die Chinesen“ schreibt. Die Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) der Bundesregierung konstatiert deshalb folgerichtig: „Deutschland braucht mehr China-Kompetenz“.
Meine Antrittsreise als China-Beauftragter des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur absolvierte ich 2019. Diese Reise hat bei allen Teilnehmern einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Denn erstmals hatten wir nicht nur die Wissenschaft, sondern auch die Kultur im Gepäck. Es begleiteten uns ein Instrumentalensemble von HarzClassixFestival und Jieni Wan, Konzertpianistin und Tochter von Professor Wan Gang. Wir waren jeden Tag woanders. Morgens widmeten wir uns dem wissenschaftlichen Austausch, abends musizierten wir miteinander. Die Reise streifte mehrmals die Linie des Gelben Flusses, Wiege der chinesischen Zivilisation und Symbol für den Geist und den Zusammenhalt des chinesischen Volkes – ein wundervolles Ambiente für zwischenmenschliche Kommunikation und emotionale Nähe.
Wir brauchen China als Partner, um selbst voranzukommen. Nach wie vor macht VW einen Großteil seines Umsatzes in China. Und bei Bosch und Continental wird es bald nicht viel anders sein.
Aber China braucht auch uns. Nicht nur als herausragenden Handelspartner und zuverlässigen Partner in Joint Ventures, sondern auch als Bildungsstätte. Viele namhafte chinesische Wirtschaftsvertreter und Wissenschaftler haben in Deutschland studiert. Der Anteil chinesischer Studierender in Deutschland beträgt 11% an der Gesamtzahl der ausländischen Studierenden, in Niedersachsen sind es aktuell sogar fast 20%.
Wenn meine Eltern früher an China gedacht haben, haben sie ihre Vorstellungen möglicherweise mit Franz Lehar‘s Operette „Land des Lächelns“ verbunden, die uns die fremdartige pentatonische Musik Chinas in einem spätromantischen europäischen Kontext offeriert. Der Titelsong „Dein ist mein Herz“ lässt das tragische Ende der Handlung nicht erahnen. Denn die Liebe zwischen Lisa, der Tochter eines österreichischen Grafen, und dem chinesischen Prinzen Sou-Chong zerbricht aufgrund der Unvereinbarkeit ihrer Charaktere. Doch heute, 100 Jahre nach ihrer Uraufführung, hat Lehar’s Operette als Metapher für das emotionale Verhältnis zwischen China und Europa ausgedient. Denn voller Stolz blicken wir – gerade in Niedersachsen - auf viele stabile, langjährige und von Respekt und Eintracht geprägte Beziehungen zwischen niedersächsischen und chinesischen Hochschulen zurück. Und inzwischen haben sich im Rahmen unserer zahlreichen Winter- und Sommerschulen sogar viele neue Lebensgemeinschaften zwischen Ost und West angebahnt.
Ich werde mich dafür einsetzen, dass es so weitergeht!
Prof. Dr. Thomas Hanschke, Beauftragter des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur für die Hochschulzusammenarbeit zwischen Niedersachsen und China, a.D.